Mitteilungen aus Ökumene und Auslandsarbeit 2001

Urlauberseelsorge der EKD

Was ist Urlauberseelsorge für die EKD?

Branko Nikolitsch

Kreuz auf blauem Hintergrund

„Urlaub ist ein anderes Wort für Glück. Von den schönsten Wochen des Jahres spricht die Werbung. Ferien haben, das heißt frei, ungebunden, selbstbestimmt sein. Zeit haben für sich und andere, neugierig sein auf Menschen und Ereignisse. Sich anregen lassen, müßig gehen, keinen Zwang spüren. Urlaub ist möglichst rundum heile Welt und auf jeden Fall ganz anders als der Alltag.“ (Vorwort in „Augenblicke deiner Gegenwart – Gebete, Segen, Meditationen für Freizeit und Ferien“, hrsg. vom Arbeitskreis Freizeit, Erholung, Tourismus in der Evangelischen Kirche in Deutschland.)

Urlaub ist die besondere Zeit, deren vielfältige Füllung wie die Suche nach dem Paradies auf Erden scheint.
Urlauberseelsorge (genauer: Kirchlicher Dienst an Urlaubsorten) gibt es erst seit es Tourismus gibt; Tourismus hier verstanden als „Unterwegssein mit dem Ziel des Erholens“.

Reisende gab es auch schon früher. – Aber solch Erholungstourismus hängt mit der arbeitsteiligen, industriell geprägten Gesellschaft zusammen und ist in der Form des uns geläufigen Massentourismus typisch seit dem vorigen Jahrhundert. Erste Ansätze entwickelten sich bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts, vor allem im Zusammenhang mit dem Ausbau der Verkehrsmittel (Bahn). Es ist kein Zufall, dass in dieser Phase auch die Anfänge der deutschsprachigen kirchlichen Urlauberseelsorge liegen (Beispiele für damalige Urlauberseelsorgeorte: Bad Gastein, Opatja und der Gardasee.). – Der kaiserliche Hof setzte damals die Trends und das Großbürgertum folgte den Reiserouten des Hofes. Wo der Hof war, da musste auch der Hofprediger sein. Und wenn der Hof wieder weggezogen war, sorgte man für Prediger aus der zivilen Gesellschaft, um auch das nachfolgende Großbürgertum zu versorgen.

Jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg und der Restituierung der evangelischen Kirchen in Deutschland ist die Urlauberseelsorge systematisch entwickelt worden. Die Kirche erkannte die Notwendigkeit und Chancen in diesem Bereich. Das System der Urlauberseelsorge entwickelte sich parallel zum Tourismus. Das Kirchenamt der EKD spielt seit Jahrzehnten dabei eine wichtige Rolle, wobei in dessen Zuständigkeit grundsätzlich nur der Kirchliche Dienst an Urlaubsorten im Ausland fällt.

Die EKD ist die Gemeinschaft von 24 lutherischen, reformierten und unierten Landeskirchen, d.h. der Dachverband von ca. 27 Millionen evangelischen Christen in Deutschland. Ohne die Selbständigkeit der Landeskirchen zu beeinträchtigen, nimmt die EKD ihr übertragene Gemeinschaftsaufgaben wahr.
Die älteste Gemeinschaftsaufgabe ist die Auslandsarbeit. Grundordnung 17,3: „Die Evangelische Kirche in Deutschland fördert den Dienst an evangelischen Christen deutscher Sprache oder Herkunft im Ausland in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit deren Kirchen und Gemeinden oder nimmt diesen Dienst in Gemeinschaft mit anderen Kirchen wahr.“ Die Verwaltungsarbeit der EKD erfolgt im Kirchenamt, das seinen zentralen Sitz in Hannover hat.

In Bezug auf die Urlauberseelsorge gibt es also eine Zweiteilung:

Urlauberseelsorge im Inland ist Sache der Landeskirchen, weist vielfältige regionale Einfärbungen auf und ist, wenn es sich um eine Landeskirche im Urlaubsgebiet handelt, dort von besonderer Wichtigkeit. In den süddeutschen Kirchen – in Württemberg, Baden und Bayern – spielt dieser Arbeitsbereich eine große Rolle. Im Gebiet der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern gibt es 70 Kur- und Urlaubsorte, die von der Landeskirche spezielle Unterstützung erhalten. Jahr für Jahr werden ihnen um die 100 Pfarrer und Pfarrerinnen „gratis“ für 4 Wochen zur Verfügung gestellt, ebenso 40 Kantoren und Organisten. Es gibt Schulungen und spezielles Material für Gemeinden und Urlauberseelsorger: „Gute Zeit. Ein Gruß der Evangelischen Kirche für Kurgäste“ sowie „Grüß Gott. Ein Begleiter der Evangelischen Kirche in den Urlaub" – zwei Hefte mit einer Gesamtauflage von 100.000 Exemplaren – kommen nicht nur in Kirchen, sondern auch bei Verkehrbüros usw. zur Verteilung. Die norddeutschen Kirchen – also Hannover und Nordelbien – haben Urlaubsgebiete an den Küsten und auf den Inseln zu betreuen und sind dementsprechend aktiv.

Urlauberseelsorge im Ausland als Aufgabe der EKD betreut in Europa Urlauber an ca.140 Orten in: Dänemark, Frankreich, Griechenland, Italien, Litauen, Niederlande, Österreich, Polen, Tschechische Republik, Ungarn und Zypern.
Statistische Daten: 
1999 nahmen an insgesamt 1.134 Gottesdiensten 50.980 Besucher teil,
2000 nahmen an insgesamt 1.044 Gottesdiensten 41.269 Besucher teil.

Jedes Jahr werden über 200 Pfarrerinnen und Pfarrer (pensionierte und aktive) zu Urlauberseelsorgeeinsätzen beauftragt. Das Kirchenamt der EKD ist Organisationsbüro und Vermittlungsstelle. Im Herbst eines jeden Jahres wird eine Liste der Orte, in denen kirchlicher Dienst in der Urlaubszeit vorgesehen ist, an die Landeskirchen mit Bitte um Veröffentlichung versandt. Die Bewerberinnen und Bewerber melden sich über ihre Landeskirchen beim Kirchenamt in Hannover.

Konditionen:
- Die Urlauberpfarrerinnen und Urlauberpfarrer erhalten auf Antrag von ihrer Landeskirche für einen vierwöchigen Dienst einen Sonderurlaub von 14 Kalendertagen.
- Sie suchen sich ihr Quartier selbst und tragen die Kosten für Fahrt, Unterkunft und Verpflegung.
- Sie erhalten ein pauschales Entgelt in Höhe von 40,- DM pro Tag.
- Für die Pfarrerinnen und Pfarrer, die einen kirchlichen Dienst in der Urlauberseelsorge im Ausland übernehmen ist die Teilnahme an einer anderthalbtägigen Vorbereitungstagung der EKD, die jeweils im März stattfindet, Pflicht.

Einen besonderen Dienst bietet die EKD mit der Bordseelsorge an. Über 50 Kreuzfahrten werden jedes Jahr durch evangelische Pfarrer und Pfarrerinnen begleitet. Sie halten Gottesdienste und Andachten, auch Vorträge, sind bei Landgängen dabei und stehen für Seelsorgegespräche zur Verfügung. Hierbei arbeitet das Kirchenamt der EKD mit der Evangelischen Auslandsberatung in Hamburg, der die Organisation der Einsätze auf den Kreuzfahrtschiffen obliegt, zusammen.

Neben diesen Kurzeinsätzen gibt es längerfristige Einsätze. Dazu beauftragt die EKD pensionierte Pfarrerinnen und Pfarrer, bisweilen auch Vikarinnen und Vikare, bzw. Pastoren im Hilfsdienst mit Diensten von 6- bis10-monatiger Dauer, vornehmlich an Orten, an denen sich Urlauber länger und auch außerhalb der üblichen Schulferienzeiten aufhalten. Diese so genannte Langzeiturlauberseelsorge findet in Arco/Gardasee, am Algarve, auf Mallorca, Gran Canaria, Teneriffa, Fuerteventura und auf Rhodos statt.

Außerdem gibt es ausgesprochene Tourismuspfarrämter an der Costa Blanca, der Costa del Sol, auf Teneriffa und Gran Canaria, in die Pfarrerinnen und Pfarrer von der EKD für 6 Jahre entsandt werden.


Warum Urlauberseelsorge?

  • Urlauberseelsorge ist volksmissionarisch orientiert: Untersuchungen haben gezeigt, dass in den Urlaubssituationen überdurchschnittlich viele jener Menschen erreicht werden, die zu Hause kaum kirchliche Angebote wahrnehmen. Die Urlauberseelsorge bietet eine der wenigen Gelegenheiten für die evangelische Kirche, den Kommunikationsfaden zu den ihr distanziert gegenüberstehenden Mitgliedern nicht gänzlich abreißen zu lassen.

  • Die EKD bietet dezidiert deutschsprachige Urlauberseelsorge an. Das hindert nicht, dass auch Menschen anderer Sprachen (Niederländer, Franzosen, Briten, Amerikaner u. a.) die Gottesdienste besuchen. Sie sind herzlich willkommen! Ebenfalls hindert es nicht, dass einheimische evangelische Kirchen für Touristen Gottesdienste in ihrer jeweiligen Sprache anbieten. Die spezifische Verantwortung der EKD bezieht sich jedoch auf die deutschsprachige Arbeit.

  • Die EKD versteht den Kirchlichen Dienst an Urlaubsorten im Ausland als Teil ihrer ökumenischen Ausrichtung und hat ihn deshalb ökumenisch orientiert, indem er grundsätzlich nur mit den ihr verbundenen Partnerkirchen im Ausland durchgeführt wird. Auf diese Weise leistet die Urlauberseelsorge im Ausland einen Beitrag zum besseren Kennenlernen und Verstehen der Menschen verschiedener Völker und zur besseren Kooperation mit der beteiligten Partnerkirche.

Die Urlauberseelsorge ist eine „Visitenkarte“ der Kirche. Das Bewusstsein für ihre Notwendigkeit und Chancen sind im Bereich der EKD gewachsen. Dementsprechend bemüht sich das Kirchenamt um Präsenz in den Medien. Hinweise in Presse, Funk und Fernsehen sowie im Internet vor der Ferienzeit, dann aber auch Berichte und Interviews mit Urlauberseelsorgerinnen und Urlauberseelsorgern während und danach helfen das Angebot publik zu machen.

Mit den veränderten politischen Verhältnissen und der Weiterentwicklung des Tourismus gibt es neue Perspektiven und Herausforderungen – etwa in den osteuropäischen Gebieten. Bisher beschränkt sich die Urlauberseelsorge der EKD auf Europa. Es wird jedoch darüber nachgedacht, wie deutschsprachige Urlauberseelsorge zum Beispiel an der türkischen Riviera oder in der Dominikanischen Republik möglich ist.

Parallel zur Urlauberseelsorge der EKD gibt es die vom katholischen Auslandssekretariat organisierte deutschsprachige Pilger- und Touristenseelsorge, mit der, wo immer dies möglich ist, zusammengearbeitet wird und mit der weitere Formen der Kooperation zu entwickeln sind.

Dieses (hier leicht gekürzte) Impulsreferat wurde von Oberkirchenrat Branko Nikolitsch, dem im Kirchenamt der EKD/Hannover u. a. für die Urlauberseelsorge der EKD zuständigen theologischen Referenten, auf der Urlauberseelsorgetagung der Evangelischen Kirche A. und H. B. in Österreich am 2./3. März 2001 in Salzburg gehalten.



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